Hans-Joachim Wätjen

Hypertextbasierte OPACs im World-wide Web


Vortrag gehalten auf der

1. INETBIB -Tagung in der Universitätsbibliothek Dortmund vom 11. - 13. März 1996

"Weiter auf dem Weg zur virtuellen Bibliothek! Bibliotheken nutzen das Internet."


Abstract:

Die Schwächen der mit dem TELNET-Protokoll im Internet verfügbaren OPACs sind bekannt: langsame Uebertragung, unterschiedliche Emulationen, häufig nicht transparente Suchsyntax ...

Das World-wide Web dagegen bietet mit HTML-Formularen, CGI-Scripts und Übergängen zum Z39.50-Protokoll seit längerem neue Möglichkeiten, die zunehmend von den Bibliotheken für das OPAC-Angebot genutzt werden - leider noch zu wenig in Deutschland. Es gibt zwar inzwischen zahlreiche WWW-Zugänge für OPACs deutscher Bibliotheken, doch nur selten können die Trefferanzeigen mit Hyperlinks für neue Suchen und das Browsing weitergenutzt werden. Die bisher mit viel Aufwand betriebene, aber im OPAC wenig genutzte klassifikatorische Sacherschließung könnte neue Aktualität gewinnen. Die Stärken und Schwächen verschiedener WWW-OPACs werden anhand von in- und ausländischen Beispielen demonstriert. Künftig werden OPACs nicht nur die bloße Kataloginformation, sondern damit über Hyperlinks verknüpfte Zusatzinformationen bieten. Grafiken, Rezensionen, Zeitschrifteninhaltsverzeichnisse, Abstracts und Volltexte lassen sich über den OPAC zu einem Informationsangebot integrieren.


Vorbemerkung

Eigentlich wollte ich auf dieser Tagung gar keinen Vortrag halten. Ich hatte nämlich lediglich angeregt, von verschiedenen Bibliotheken mehrere OPACs mit WWW-Interface jeweils in 10-minütigen Kurzvorträgen vorführen zu lassen und mich selbst bereiterklärt, unseren Oldenburger Hyper-OPAC vorzustellen. Schließlich kennt jeder seinen eigenen OPAC am besten. Doch die Organisatoren der Tagung haben mir das Thema alleine aufgedrückt, aber vielleicht können wir gemeinsam meinen Vortrag abwechslungsreicher gestalten. Im Auditorium sind sicher einige Kolleginnen und Kollegen aus den Bibliotheken, deren OPACs ich vorstellen werde und die meine und ihre offenen Fragen besser beantworten können als ich. Ich möchte Sie also geradezu ermuntern, mich während meines Vortrages mit Fragen zu unterbrechen und bitte die Experten im Publikum mich bei der Beantwortung von Fragen zu unterstützen. 

Was Sie erwartet ...


1. Ein Blick zurück ...

Ich hatte ursprünglich vor, meinen Vortrag mit einem TELNET-OPAC zu beginnen. Doch ich möchte Ihnen und mir das ersparen. Ich war durch eine Mail in der INETBIB-Liste auf diese Idee gekommen. Eine nicht unbedeutende deutsche Bibliothek warb vor kuzem für ihren neuen, öffentlich zugänglichen OPAC. Dabei wurden zwei Zugangsmöglichkeiten angegeben: eine TELNET-Adresse und eine URL für das WWW. Ich habe mich zunächst gefreut, einen neuen deutschen WWW-OPAC als weiteres Beispiel für meinen heutigen Vortrag verwenden zu können. Doch ich wurde enttäuscht: auf der WWW-Seite fand ich lediglich die TELNET-Adresse, die ich aus der Mail bereits kannte. Dennoch habe ich den OPAC angewählt und ein weiteres Beispiel dafür gefunden, wie benutzerunfreundlich diese Form des Internetzugangs zu einem OPAC sein kann. Wir haben uns alle bereits einmal mit Tastaturschlüsseln herumgequält, um Funktionstasten auszulösen oder um einfach nur zu blättern und hatten ein schlechtes Gewissen, wenn wir nicht mit einem ordnungsgemäßen Logoff wieder aus dem OPAC aussteigen konnten.

Bis vor einigen Jahren galt TELNET als Verbindungsprotokoll für einen Remote-Zugang jedoch noch als fortschrittlich. Davor haben wir mit proprietären Terminalemulationen unter X.25 gearbeitet. Zur Verbindung mit den BS2000-Dinosauriern mußten wir für unsere PCs als Hardwarelösung die BAM-Karte oder die Siemens-9750-Emulationssoftware kaufen, und in der IBM-Welt mußten wir die 3270-Emulation installieren.

Die Inkompatibilitäten und die unterschiedlichen Benutzeroberflächen verlangten nach einer Standardisierung. Einige erhofften sich von dem multifunktionalen Bibliotheksarbeitsplatz mit vielen Windows für verschiedene Kataloge auf einem 21"-Bildschirm die Lösung. Andere warten immer noch auf das OSI-Protokoll SR (Search and Retrieve). Mit Förderung der DFG wurde eine SR-Engine nämlich nur prototypisch in Karlsruhe entwickelt und auch von dem immer noch laufenden DBV-OSI-Projekt haben wir praktisch bisher nichts gehabt. Inzwischen wird in den SR-Projekten - auch international - auf Z39.50 und statt auf ILL auf Item Request als erweiterter Funktion von Z39.50 gesetzt und umgeschwenkt. Statt der OSI-Normen haben sich die Protokolle des Internet wie TELNET, Gopher, HTTP für das WWW, WAIS und zunehmend auch Z39.50 als De-facto-Standards auch für den OPAC-Zugang durchgesetzt. 


2. Ein Überblick über die Internetprotokolle für OPACs

Für den OPAC-Zugang gibt es heute im Internet vielfältige Möglichkeiten, die auch noch einige Zeit nebeneinander angeboten werden sollten. Nicht alle Benutzer verfügen über leistungsstarke, WWW-geeignete Windows-PC oder Workstations.

2.1 TELNET:

Der Benutzer muß eine feste Remote-Verbindung zu dem OPAC-Rechner aufbauen und sich auf die jeweilige Benutzeroberfläche mit der entsprechenden Retrievalsprache und -syntax einlassen. Es gibt so viele Standards wie es Bibliothekssoftwarefirmen gibt.

2.2 Gopher

Das Gopher-Protokoll bietet einfache Suchmasken, über die eine zustandslose Verbindung zum OPAC möglich ist. Es wird heute kaum noch für OPACs benutzt.

2.3 WWW

Das Protokoll des WWW (HTTP) benutzt ebenfalls keine feste Verbindung, sondern ist zustandslos. Das darin eingebaute Common Gateway Interface (CGI) ermöglicht über Scripte den Aufruf von kleinen Progrrammen (in PERL, C oder anderen Sprachen), die auf die jeweilige OPAC-Datenbank oder deren Programme zugreifen. Entsprechend lassen sich die Anfrageergebnisse des Datenbankservers in HTML codiert ausgeben und über den HTTP-Server an den Client zurückschicken. Mit wenig Aufwand läßt sich so ein WWW-Gateway zur OPAC-Datenbank basteln. Die Suchformulare sind zwar unterschiedlich gestaltet, aber i. d. R. leicht verständlich und intuitiv benutzbar, da HTML nur wenige und immer wiederkehrende Möglichkeiten zur Formulargestaltung bietet. Die Such- und Browsingmöglichkeiten sind einerseits vom System und andererseits vom investierten Aufwand bei der Ergebnisausgabe abhängig und entsprechend unterschiedlich - dazu später mehr.

2.4 Z39.50 mit Client-Software

Das Z39.50-Protokoll setzt sich als Standard für das Searching and Retrieving international durch. Es ist im Unterschied zu Gopher und HTTP sitzungsorientiert und bietet große Funktionalität für bibliothekarische Anwendungen wie z. B. OPAC-Recherchen. Zahlreiche Hersteller von Bibliothekssoftware (Geac, NOTIS, VTLS, Dynix ...) bieten heute spezielle Clients an. Häufig verhalten sich die Z39.50-Server jedoch nicht kompatibel zu kostenlosen Standard-Clients wie CanSearch (für Windows) und Willow (für UNIX), so daß das spezielle Client-Programm des Herstellers benutzt werden muß, was eine doppelte Barriere für den freien Nutzerzugang bedeutet.

2.5 Z39.50 mit WWW-Gateway

Viele, besonders US-amerikanische Z39.50-OPACs sind zusätzlich über WWW-Gateways erreichbar, was den Endnutzerzugang erleichtert. Es gibt zahlreiche Gateways verschiedener Hersteller (Zdist von CNIDR, WebZ von OCLC, ZWeb von Michigan State University etc.), die zum Teil große Listen von Z39.50-OPACs zur Auswahl enthalten.

2.6 WAIS mit Client-Software oder mit WWW-Gateway

Das WAIS-Protokoll basiert auf dem Z39.50-Standard in der Version von 1988 und ist inzwischen an die Weiterentwicklungen von 1992 und 1995 angepaßt worden, wenn auch nicht von allen Anbietern. WAIS-Server-Software gibt es als kommerzielle und als freie Versionen. Auch einige OPACs sind als WAIS-Datenbanken mit einem WAIS-Client oder über ein WWW-Gateway (z. B. sf-gate der Univ. Dortmund) zugänglich. WAIS ermöglicht ein Relevance Ranking der Treffer und ein anschließendes Relevance Feedback, was in Z39.50 nicht enthalten ist.

3. Hilfen zum Finden von OPACs

3.1 Internationale Listen

3.2 Deutsche Listen

Deutsche OPACs im Internet sind in drei qualitativ sehr unterschiedlichen Listen sowie über die beim HBZ installierte Search Engine nachgewiesen.

4. Ein Statusbericht zu deutschen WWW-OPACs

Vor der Vorbereitung auf diesen Vortrag hätte ich nicht gedacht, daß bereits so viele deutsche Bibliotheken einen WWW-Zugang zu ihrem OPAC bieten. Anhand der o. g. Listen konnte ich immerhin 27 Unversitätsbibliotheken und 2,5 Verbundsysteme ermitteln. (Ein halbes Verbundsystem, weil das DBI nur die ZDB und nicht auch den VK über das Web anbietet.) Die größeren, auf dem deutschen Markt präsenten kommerziellen Systeme (nicht jedoch Siemens-Nixdorfs SISIS) sind im Web mit mindestens einem Beispiel vertreten. Ich habe mir die Mühe gemacht, alle u. g. OPACs einmal auszuprobieren auf der Suche nach dem optimalen Hyper-OPAC. Das Ergebnis ist eher enttäuschend:

Hinsichtlich der Retrievalmöglichkeiten und der Trefferanzeigen ist für fast alle deutschen WWW-OPACs festzustellen, daß die Eigenschaften und Möglichkeiten der traditionellen OPACs auf die WWW-Oberfläche lediglich übertragen werden. Der Allegro-OPAC der UB Braunschweig steht hier stellvertretend für alle anderen. Er bietet zumindest die Wahlmöglichkeit zwischen einem Browsing über die Register und einer direkten Treffersuche mit logischen Verknüpfungen.

Die Möglichkeiten der Trefferausgabe mit Hyperlinks werden, vom Oldenburger OPAC abgesehen, in Deutschland nicht genutzt. In der Regel werden die Treffer als preformatted Text ohne jeden Link für weitere Recherchen angezeigt. Am Ende des folgenden Überblicks illustriert die Trefferanzeige der ZDB beispielhaft diese verschenkten Möglichkeiten. Nicht einmal die Bestandsnachweise werden über Links gegliedert, so daß eine elend lange Liste nach Bundesländern der biliographischen Beschreibung folgt. In dem Beispiel ist nur der Anfang der bayerischen Bestände abgedruckt.

Insofern dokumentiert die nachfolgende, nach Systemen gegliederte Liste lediglich den unbefriedigenden, aber dafür weitgehend vollständigen State of the Art in Deutschland. Die Annotationen zu den einzelnen OPACs erheben nicht den Anspruch einer systematischen Beschreibung des jeweiligen Funktionsumfangs.

4.1 Allegro

für Allegro-X in Braunschweig entwickelter WWW-Zugang über Skripte, war einer der ersten dt. OPACs mit Web-Interface, unterschiedliche Oberflächen und Suchmöglichkeiten

4.2 BABSY

bietet neben der Recherche auch Ausleihfunktionen (Kontoanfrage, Vormerkung, Fernleihbestellung), Recherche nach komplettem Titel, Titel-, Körperschaftsstichwort und Person, Einschränkung nach Erscheinungsjahr, automat. UND-Verknüpfung

4.3 Biber (früher NorskData)

einfache (automat. UND), selektive (UND, ODER, NICHT) und erweiterte Suche wählbar, zahlreiche Eingabefelder, Phrasensuche, Trunkierung, Wild Cards

4.4 OLIX

OLIX ist tot, aber der WWW-Katalog lebt noch, im Formular Bibliothek wählbar, Operatoren UND, ODER, NICHT einstellbar, zahlreiche Felder auswählbar, Expertensuche möglich

4.5 Urica

4.6 BIS-LOK

4.7 freeWAIS-sf-gate

Dortmunder Public Domain WAIS-Version, unterschiedliche Oberflächen je Bibliothek

4.8 Sonstige

4.9 WWW-Gateways zu deutschen Verbundkatalogen

4.10 BIBOS - ein Blick über die Grenze

Das deutschsprachige Ausland liefert auch kein überzeugendes Beispiel, sondern illustriert eher wie nutzerfern Bibliothekare mit ihren Regeln und Begrifflichkeiten den Zugang gestalten können:

4.11 Pica - ein Blick voraus

Demnächst werden auch die zahlreichen deutschen Pica-Lokalsysteme und die beiden Verbünde Hessen und Göttingen sowie hoffentlich auch Die Deutsche Bibliothek ihre Datenbanken mit dem bereits in den Niederlanden funktionierenden WWW-Zugang anbieten. Das Angebot wäre dann ähnlich wie bei der UB Groningen:

5. Ein Blick nach vorn: der optimale Hyper-OPAC

Aus den genannten Beispielen deutscher WWW-OPACs ließe er sich nicht konstruieren. Wir müssen daher ausländische Beispiele einbeziehen. Und auch dann existiert er nur virtuell als Summe der positiven Features vorhandener OPACs.

Der optimale Hyper-OPAC


6. OPACs der Zukunft


Erstellt: 12.3.1996 - Zuletzt überarbeitet: 29.4.1996

Autor:

Hans-Joachim Wätjen
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